Handwerksliederbuch

Handwerksliederbuch

Till Otto & Uli Otto: Handwerksliederbuch. Regensburg 2011/2012.
Seit der großen Folkbewegung Mitte der 1970er Jahre erlebte mit den Handwerksliedern ein volksmusikalisches Genre eine zeitweilige Wiederbelebung, die ohne die Waldecker Festivals der 1960er Jahre nicht vorstellbar ist. Hier wurden sie vor dem Hintergrund eines Interesses an der eigenen Historie wiederentdeckt, die zahllosen Handwerkerlieder, die im Laufe des 20. Jahrhunderts nahezu in Vergessenheit geraten waren. Hilfestellung leisteten dabei zwei 1954 und 1962 erschienene voluminöse Sammlungen mit dem Titel Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters des Ostberliner Volkskundlers Wolfgang Steinitz. In zahllosen Konzerten sowie auf Tonträgern einiger Deutschfolk-Gruppen wurde jene Seite des „Volksliedes“ neu gepflegt, die von Herder, Hoffmann von Fallersleben oder Jakob Grimm und anderen einst entdeckt, danach aber nicht zuletzt durch eine deutschnationale Germanistik und Volksliedforschung verschüttet worden war.
Es war dabei Oskar Schade, der in seiner Sammlung „Deutsche Handwerkslieder“, die auch eine Grundlage der vorliegenden Kompilation gebildet hat, folgende Dreiteilung  der zusammengetragenen Lieder vorgenommen hat, der wir hier gefolgt sind:

  • Zunft- und Preislieder, nach dem Namen der Handwerke die sie meinten alphabetisch geordnet, die der Selbstvergewisserung und Selbstdarstellung und der Abgrenzung zu anderen Bevölkerungsgruppen dienten, und in denen sich der berufsständische Stolz der einzelnen Handwerkergruppen und –zünfte artikulierte.
  • Gesellenlieder, die das Treiben und die Bräuche der Handwerksgesellen besonders ihrer Wanderschaft zum Gegenstand haben.
  • Erzählende Lieder und Spottlieder.
  • Im Unterschied zu den Liedern anderer Handwerker gibt es dabei aber vor allem  bei den Weberliedern viele Beispiele, die sich mit dem sozialen Elend ihrer Träger bzw. den daraus resultierenden Hungeraufständen etwa Mitte des 19. Jahrhunderts beschäftigen.

Hinzugefügt wurden der vorliegenden Sammlung dabei auch viele der seinerzeit umlaufenden erotischen Lieder in Verbindung mit verschiedenen Berufsgruppen, da bestimmte berufliche oder arbeitstechnische Tätigkeiten im „Volksmund“ zu allen Zeiten nur zu oft mit handfesten Liebesdingen bzw. -tätigkeiten in Verbindung gebracht worden waren. Auf deren Abdruck hatte Schade seinerzeit wohl ganz bewusst verzichtet und verzichten müssen, hätte eine Veröffentlichung doch sicher die Drucklegung seiner Sammlung unmöglich gemacht: „Einigen allzu ungewaschenen Gesellen mußte der Eintritt versagt werden“. Doch sind auch früher schon oder vermehrt in den vergangenen Jahren einige Sammlungen erschienen, die sich gerade auch dieser Spielart von Handwerkerliedern ausführlich angenommen bzw. Liedbeispiele hierzu abgedruckt haben.  Im Regelfall aber lässt sich mit Rolf W. Brednich konstatieren: “Der Grund für diese offensichtliche Vernachlässigung“ über einen langen Zeitraum, ja bis in unsere Tage „ist in den moralischen Wertvorstellungen der Gesellschaft zu sehen. Die Tabuierung des Sexuellen hat auch in der Geschichte der Volksliedsammlung und –forschung seine tiefen Spuren hinterlassen. Mit dem Begriff ‚Volkslied‘ assoziiert man seit den Tagen Herders bis heute Begriffe des ‚Echten‘, ‚Wahren‘, ‚Guten‘, ‚Alten‘ und ‚Schönen‘. Die meisten Volksliedsammler des 19., teilweise auch noch des 20. Jahrhunderts waren durch diese idealtypische Auffassung von Volkslied noch tief geprägt“. (Brenich, R. W.: Erotische Lieder aus 500 Jahren. Frankfurt a.M. 1979, S. 7)
Grundlage und Ausgangspunkt der vorliegenden Liedersammlung waren die Weberlieder, die Till Otto seinerzeit für das Tuchmachermuseum Bramsche zusammengestellt hat und die hier um zahlreiche zeitgenössische Lieder zu anderen Handwerken und Berufen Ergänzung finden, die von den beiden Herausgebern zusammengetragen wurden. Eingang fand in die vorliegende Sammlung aber auch mit „Drei Jahr und ein Tag“ ein neues „Handwerkslied“ aus der Feder von Reinhard Mey. Wir wollen in der vorliegenden Sammlung einen, wenn auch gewiss nicht vollständigen, so doch gewiss repräsentativen Querschnitt der seinerzeit umlaufenden Handwerkslieder vorstellen, wobei aus Finanz- und Zeitgründen zum gegebenen Zeitpunkt auf Sammel- oder gar Einzelinterpretationen und / oder die Darstellung der jeweiligen konkreten historischen und gesellschaftlichen Hintergründe sowie auf den Abdruck der uns zugänglichen dazugehörigen Melodien verzichtet wird. Dies könnte – ebenso wie eine eventuelle Produktion begleitender Tonträger – im Rahmen einer Weiterführung dieses Projektes geschehen. Hier könnte u. U. auch Kontakt zu anderen Handwerksmuseen sowie zu Archiven Kontakt aufgenommen werden, um hier nach weiteren Liedern oder Liedvarianten zu forschen.